Kurze Geschichte der Stereoskopie

Schon früh war dem Menschen bewusst, dass wir mit zwei Augen räumlich sehen – mit nur einem Auge ist das nicht in gleicher Weise möglich. Bereits um 300 v. Chr. beschäftigte sich der Mathematiker Euklid mit dieser Tatsache. Eine genaue Beschreibung des räumlichen Sehens lieferte im 2. Jahrhundert n. Chr. Claudius Galen (Abb. 1). Wegen seiner klaren und richtigen Darstellung kann er als einer der ersten Beschreiber des räumlichen Sehens gelten. Später beschäftigten sich auch Leonardo da Vinci und andere Künstler und Gelehrte mit dem räumlichen Sehen. Sie untersuchten jedoch, wie der Mensch seine Umgebung mit beiden Augen wahrnimmt – nicht, wie sich dieser Eindruck technisch nachbilden lässt.

Erst der englische Physiker Sir Charles Wheatstone (Abb. 2) zog daraus den entscheidenden Schluss: Die beiden unterschiedlichen Teilbilder, die beim beidäugigen Sehen in jedem Auge entstehen, lassen sich auch künstlich herstellen und – getrennt jedem Auge zugeführt – zu einem räumlichen Seheindruck verbinden. Er erfand dafür ein Stereoskop, das nach ihm benannte Wheatstonesche Spiegelstereoskop. Aus seinen Beobachtungen leitete er die Querdisparation ab: den seitlichen Versatz identischer Bildstellen in den beiden Halbbildern, der in der Stereofotografie als Deviation bezeichnet wird. Diese Erkenntnisse bilden bis heute die Grundlage der geometrischen Zusammenhänge in der Stereoskopie. Wheatstone kann daher als Erfinder der Stereoskopie gelten – auch der Begriff stammt von ihm. Seine Ergebnisse stellte er am 21. Juni 1838 der Royal Society in London vor. Da die Fotografie damals noch nicht erfunden war, musste er seine beiden Teilbilder zeichnen.
1849 regte der englische Physiker David Brewster (Abb. 3) an, die inzwischen erfundene Fotografie für die Stereoskopie zu nutzen. Er konstruierte eine Stereokamera und ein Linsenstereoskop und gilt seither als Wegbereiter der Stereofotografie. In den folgenden Jahren widmete man sich der Stereofotografie mit großer Begeisterung.
Den ersten großen Boom löste die Weltausstellung 1851 in London aus. Der Überlieferung nach war Königin Victoria von den Vorführungen mit dem Brewster-Stereoskop so angetan, dass das Gerät in Mode kam – ein königlicher Geschmack, der eine ganze Industrie in Gang setzte. Binnen weniger Jahre wurden etwa eine Viertelmillion Stereoskope gefertigt, und Stereofotografen zogen in alle Welt, um immer neue Bilder für den wachsenden Markt aufzunehmen.
Um die Natürlichkeit der frühen Stereofotografien zu steigern, wurden sie oft handkoloriert. Die Kolorierung musste auf beiden Halbbildern völlig identisch ausgeführt werden, denn durch die vergrößernde Wirkung der Linsen im Stereoskop fallen selbst kleine Abweichungen unangenehm auf. Das verlangte von den Koloristen höchstes handwerkliches Können. Nicht bei allen kolorierten Stereobildern war diese Genauigkeit gegeben, und so gibt es aus jener Zeit auch viele weniger schöne Zeugnisse. Die guten Arbeiten überzeugen jedoch bis heute durch ihre hervorragende Qualität.

Auch andere Techniken dienten dazu, die Natürlichkeit zu steigern. Bei Daguerreotypien kratzte man an ausgewählten Stellen – etwa dem Stein eines Ringes – vorsichtig die oberste Schicht ab, sodass die darunterliegende Kupferschicht sichtbar wurde. So erhielt der Stein im Stereobild einen besonderen Glanz. Später gab es Stereobilder auf transparentem Papier, die von hinten koloriert wurden; bei Motiven wie Kronleuchtern oder Straßenlaternen durchstach man auf beiden Halbbildern die leuchtenden Stellen. Hält man solche Bilder gegen das Licht, scheinen diese Stellen zu leuchten, und die durchscheinende Kolorierung wirkt sehr eindrucksvoll.
1853 entwickelte der Deutsche Wilhelm Rollmann, 1858 der Franzose J. Ch. d'Almeida – unabhängig voneinander – das Anaglyphenverfahren. Damit ließen sich Stereobilder nicht nur im Stereoskop betrachten, sondern auch projizieren.
Da die meisten Stereoaufnahmen nicht mit einer Stereokamera entstanden, sondern entweder mit einer verschobenen Monokamera oder mit zwei Monokameras, wurde häufig eine zu große Basis gewählt. Man befand sich in einem regelrechten Rausch der Tiefe. Weil solche Bilder die Betrachtung oft erschwerten, verblasste das Interesse an der Stereofotografie bald wieder.

Mit der ständigen Vereinfachung der Fototechnik – vor allem durch die Erfindung der Trockenplatte – und mit wachsender Routine lebte die Stereofotografie ab den 1870er-Jahren wieder auf. Es kam zu einem regelrechten Boom: In den USA gab es damals kaum einen Haushalt ohne Stereoskop, und besonders verbreitet war das Holmes-Stereoskop (Abb. 4), das Oliver Wendell Holmes 1859 entwickelt hatte.
Mit dem Aufkommen neuer Medien wie des Kinofilms ging das Interesse an der Stereoskopie zu Beginn des 20. Jahrhunderts allmählich zurück. Zwar wurde der Film auch für stereoskopische Aufnahmen genutzt, doch er kam nicht über das Versuchsstadium hinaus: Bereits 1890 drehte der Filmpionier William Friese-Greene erste stereoskopische Filmaufnahmen im Hyde Park, und 1903 stellten die Gebrüder Lumière ein stereoskopisches Filmverfahren vor, dessen Kurzfilme nicht projiziert, sondern in einem Betrachter angesehen wurden.
Ebenfalls in dieser Zeit kam in Deutschland das Kaiserpanorama auf, das sich bis in die 1920er-Jahre hielt. Dort konnten etwa 25 Personen gleichzeitig stereoskopische Bildzyklen betrachten.
Obwohl das allgemeine Interesse an der Stereoskopie immer wieder nachließ, gab es zu jeder Zeit einen Kreis begeisterter Liebhaber, die auf diesem Gebiet aktiv blieben und sich organisierten. So wurde in Deutschland am 28. Dezember 1927 die "Deutsche Gesellschaft für Stereoskopie" (DGS) gegründet.
Auch dass Kamerahersteller wie Franke & Heidecke, Voigtländer oder Zeiss Ikon die Stereofotografie aufgriffen und Stereokameras auf den Markt brachten, führte zu einem leichten Aufblühen. Besonders Ende der 1930er-Jahre erlebte die Stereoskopie eine stärkere Belebung, die der Zweite Weltkrieg jäh unterbrach. Erst mit der wirtschaftlichen Stabilisierung der 1950er-Jahre setzte eine neue Blütezeit ein. Als das Fernsehen aufkam, versuchte das Kino, mit neuen Techniken Zuschauer zu gewinnen – und so kamen verstärkt 3D-Filme in die Kinos.

Diese Filme wurden im Zweibandverfahren gezeigt: Die beiden Halbbilder lagen auf zwei Filmstreifen und wurden von zwei gekoppelten Projektoren vorgeführt. Trotz der Kopplung konnte es – etwa nach einem Filmriss – zu Verschiebungen zwischen den beiden Streifen kommen. Das führte zu erheblichen Störungen und ließ das Interesse am 3D-Film zurückgehen.
Zugleich kamen zahlreiche Kleinbild-Stereokameras auf den Markt. Beispielhaft seien die in den USA weit verbreitete "Stereo Realist" mit dem Halbbildformat 24 × 23 mm und die in der DDR gebaute "Belplasca" mit 24 × 30 mm genannt; die Belplasca war ein komplettes System mit Projektor und speziellen Rähmchen, die die Stereo-Diamontage wesentlich erleichterten. Begünstigt wurde diese Entwicklung dadurch, dass Farbdiafilme damals überall erhältlich waren.

Doch bereits in den 1960er-Jahren klang das allgemeine Interesse wieder ab. Die Industrie baute immer größere Stückzahlen hochwertiger Kleinbildkameras; mit den kleinen Stückzahlen, die sich mit Stereogeräten erzielen ließen, war kein Gewinn zu machen, und die Hersteller stellten die Produktion ein.
Wieder fristete die Stereofotografie ein Schattendasein und wurde nur von wenigen begeisterten Anhängern gepflegt. Ihnen gelang es ab den 1970er-Jahren, das Medium wieder populärer zu machen. 1975 gründeten mehrere nationale Stereoverbände die "International Stereoscopic Union" (ISU), die seither alle zwei Jahre internationale Kongresse ausrichtet. In Deutschland organisiert die DGS jährlich einen Raumbildtag, der später DGS-Kongress genannt wurde und seit 2026 den Namen "3D-Foto- und -Filmfestival der DGS" trägt. Auch Gäste aus den Nachbarländern besuchen ihn rege. Das ist nur ein Ausschnitt aus den Aktivitäten der Stereoorganisationen weltweit. In diese Zeit fällt auch die Gründung der Firma RBT, die hochwertige Stereogeräte in alle Welt liefert.
Ein weiterer Impuls ging von der Computertechnik aus. Forschungseinrichtungen wie das Heinrich-Hertz-Institut in Berlin trieben die stereoskopische Bildverarbeitung voran. Heute sind 3D-fähige Displays, VR-Brillen und stereoskopische Videos selbstverständlich geworden – auch wenn nicht jedes Gerät mit der Bezeichnung "3D" tatsächlich räumliche Bilder zeigt und Werbung mit "4D" oder "5D" eher Verwirrung stiftet.
Der große 3D-Boom, der um 2010 mit Filmen wie "Avatar" einen neuen Höhepunkt erreichte, ist inzwischen wieder abgeflaut. Die Fernsehhersteller haben die Produktion von 3D-Geräten eingestellt, und im Kino sind stereoskopische Filme deutlich seltener geworden. Geblieben ist eine lebendige Szene: Stereofotografen, Sammler und Vereine pflegen das Medium weiter, und in der virtuellen Realität findet das räumliche Sehen eine neue technische Form. So wiederholt sich ein Muster, das die Geschichte der Stereoskopie seit fast zwei Jahrhunderten prägt – Wellen der Begeisterung, dazwischen ruhigere Jahre, aber nie ein Ende.

