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Bildgestaltung

Auf Fototour durch Kroatien

Gedanken zur Bildgestaltung in der Stereofotografie

"Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah." Dieser Satz von Goethe gilt auch für uns, wenn wir auf Motivsuche gehen. Motive vor unserer Haustür haben einen ganz entscheidenden Vorteil: Sie sind fast immer für uns erreichbar. So ist es möglich, uns ausgiebig mit dem Motiv zu beschäftigen, die beste Tages- und Jahreszeit abzuwarten und fast jederzeit vor Ort zu sein, wenn die richtige Lichtstimmung für unser Motiv gegeben ist.
Diese Möglichkeiten haben wir auf fernen Reisen meist nicht. Wichtige Voraussetzungen für die Gestaltung hängen dort vom Zufall ab. Ist man mit einer Reisegruppe unterwegs, muss man sich deren Zeitplan unterordnen. Die besten Stunden zum Fotografieren am Morgen oder Abend sind im Tagesablauf oft anders belegt.

Bild 1

Dennoch ist die Suche nach außergewöhnlichen Motiven, die nicht immer vor der Haustür zu finden sind, gerade in der Stereofotografie faszinierend. Auf der Suche nach einer Region, in der sich die zuvor genannten Vorzüge weitgehend nutzen lassen und die dennoch mit angemessenem Aufwand per Auto erreichbar ist, habe ich die kroatische Landschaft entdeckt. Werden Campingplätze genutzt, ist man flexibel genug, um zu jeder Tageszeit fotografieren zu können. Problemlos lässt sich der Campingplatz wechseln, und die verschiedenen Gegenden dieses herrlichen Landes lassen sich erschließen.
Die beste Zeit zum Fotografieren ist der Morgen oder der Abend. Die Zeit dazwischen kann zum Entspannen am Strand und im herrlichen Wasser der kroatischen Adria genutzt werden. Möglich ist aber auch, die Zeit zu nutzen, um Ausschau nach neuen Motiven zu halten und diese dann zur rechten Zeit im passenden Licht zu fotografieren. Die Motivvielfalt ist in Kroatien wirklich beträchtlich, da hier See- und Gebirgslandschaft aufeinandertreffen. Herrliche Flüsse, die sich in eindrucksvolle Canyons eingeschnitten haben, sowie romantische Wasserfälle sind zu finden. Nur ein sehr begrenzter Teil lässt sich in einem Urlaub von einer oder zwei Wochen erschließen. Ich fahre schon viele Jahre nach Kroatien und entdecke immer wieder Neues und Beeindruckendes.

Bild 2
Bild 3

Die Fototechnik sollte man im Schlaf beherrschen, damit man sich ganz auf das Motiv konzentrieren kann. Im Folgenden möchte ich auf die Bildgestaltung in der Stereofotografie eingehen.

Stereomotive sind anders als Flachbildmotive. Der Flachbildfotograf muss das Abbild unserer dreidimensionalen Welt ästhetisch auf einer Fläche platzieren. Motive wie in Bild 1 sind für die Flachbildfotografie eher ungeeignet. In der Stereofotografie wirken Formen und Strukturen im Bereich zwischen 2 und 10 Metern besonders plastisch. Durch die in Bild 1 dargestellten Gebilde, die im Flachbild nur wirr erscheinen, können wir bis in die Ferne durchschauen. Regeln aus der Flachbildfotografie wie der Goldene Schnitt oder die diagonale Linienführung sind in der Stereofotografie natürlich auch von Bedeutung.

Eine Linienführung, die ins Bild hineinläuft, verstärkt die Raumwirkung, wie in Bild 2 zu sehen ist. Der Vordergrund wird über den Mittelgrund mit dem Hintergrund verbunden.

Außerordentlich reizvoll sind Spiegelungen in der Stereoskopie. Das Motiv in Bild 3 habe ich in einer engen Gasse in Rovinj auf Istrien gefunden. In einem Fenster im ersten Stock spiegelt sich ein gegenüberliegendes Fenster, wodurch eine interessante Tiefenstaffelung entsteht.

Bild 4
Bild 5

Technische Gebilde wie in Bild 4 sind ausgesprochen attraktiv, da hier die Räumlichkeit besonders hervortritt. Im Flachbild erschließt sich diese nicht immer eindeutig. Die symmetrische Darstellung passt gut zu dieser technischen Konstruktion.

Die Größe von Tälern und Schluchten ist auf einem Flachbild oft nur schwer zu erkennen. Nicht selten staunt man, wie ein Bild in 3D wirklich aussieht, wenn man es zuvor nur in 2D betrachtet hat (Bild 5).

Nicht immer interessieren uns die Dinge im Vordergrund, sondern die im Hintergrund. Dennoch sollte immer etwas aus dem Vordergrund ins Bild einbezogen werden, auch wenn dieses Motivdetail noch so unscheinbar ist wie die Straßenbegrenzung in Bild 6. Zwar lassen sich weit entfernte Gegenstände mit vergrößerter Basis räumlich erfassen, doch wirken solche Bilder durch den Liliputismus nicht mehr natürlich.
Die Ferne sollte im Stereobild immer dort bleiben, wo sie hingehört, und nicht unmittelbar hinter das Scheinfenster montiert werden. Ich bin der Meinung, dass Bilder so montiert werden sollten, dass die Ferne auch in der Ferne erscheint, auch wenn dadurch manchmal recht viel freier Raum zwischen Scheinfenster und vorderstem Motivteil entsteht. Es entspricht aber dem natürlichen Sehen.
Den fernen Motivteilen sollten wir ebenfalls unsere Aufmerksamkeit schenken, auch wenn diese nur flach dargestellt werden können. Es gibt einige Gestaltungsmittel, die der Flachbildfotograf einsetzt, um Tiefe in seinen Bildern vorzutäuschen. Diese Gestaltungsmittel sollten auch wir in der Stereofotografie für den Hintergrund nutzen. Dunst ist eine Möglichkeit, Tiefe vorzutäuschen. In Bild 7 ist durch den Dunst eine klare Tiefenstaffelung der Berge im Hintergrund zu erkennen. Obwohl sich nur wenige Motivteile im Vorder- und Mittelgrund befinden, wirkt das Bild recht plastisch.

Bild 6
Bild 7

Morgens und abends ist das beste Licht zum Fotografieren (Bild 8). Durch die flach einfallenden Sonnenstrahlen entsteht ein warmes Licht. Abends ist es der Dunst, der durch Staubpartikel hervorgerufen wird, und am Morgen die Feuchtigkeit, die die plastische Lichtwirkung verstärkt. Im Gegenlicht kommen diese Partikel besonders zur Geltung. Bei Gegenlicht sollte jedoch darauf geachtet werden, dass die Sonne nicht direkt auf die Objektive scheint. Solche Aufnahmen macht man ohnehin am besten vom Stativ aus. Dann hat man eine Hand frei, um mit einem Karton die Vorderlinsen der Objektive abzuschatten. Es muss aber darauf geachtet werden, dass der Karton nicht mit im Bild erscheint. Wenn es möglich ist, wird die Kamera im Schatten aufgestellt und aus diesem heraus fotografiert. Dennoch kann es passieren, dass Reflexionen entstehen, wie in Bild 8. In der Stereofotografie ist es wichtig, dass diese Reflexe stereoskopisch verschmolzen werden können. Anderenfalls ist das Bild nicht zu gebrauchen.

Ein weiteres Gestaltungsmittel, das auch in der Flachbildfotografie von Bedeutung ist, ist die Dreieckskomposition. In Bild 9 führt das Seil auf der linken Seite unseren Blick zum ersten Schiff. Von diesem schweift der Blick auf das im Mittelgrund befindliche Schiff auf der rechten Seite und geht dann weiter zum Gebäude im Hintergrund. Die beiden Schiffe und das Gebäude bilden ein imaginäres Dreieck. Unser Blick gleitet entlang der Schenkel dieses Dreiecks.

Bild 8
Bild 9

Sehr interessant sind Durchblicke in der Stereoskopie. Ein Tunnelblick, wie in Bild 10 zu sehen, führt den Blick hinaus zum meist nur flach wirkenden Hauptmotiv. Durch die plastisch wirkenden Wände dieser Höhle wirkt das gesamte Bild gut räumlich. Bild 11 ist ästhetisch sicher umstritten. Eine alte Stereoregel besagt, dass nichts im Vordergrund eines Stereobildes abgebildet werden soll, was sich im labilen oder indifferenten Gleichgewicht befindet. Da die Bewegung fehlt, der Vordergrund aber sehr plastisch wirkt, erscheint das Motiv wie eingefroren. Dennoch finde ich auch solche Motive reizvoll. Es sollte jeder für sich entscheiden, ob er ein derartiges Motiv akzeptiert oder als unbrauchbar ablehnt.

Bild 10
Bild 11

Zu guten Stereofotos gehört natürlich auch etwas Glück. Die wichtigste Voraussetzung ist, zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle zu sein. Die Fototechnik zu beherrschen, ist eine selbstverständliche Voraussetzung.

Alle Auffassungen über Bildgestaltung haben immer etwas mit persönlichem Geschmack zu tun, und über Geschmack lässt sich bekanntlich vortrefflich streiten. Was dem einen gefällt, finden andere noch lange nicht gut. Das hier Dargestellte ist meine Meinung. Wenn Sie anderer Meinung sind, schreiben Sie mir doch eine E-Mail.